Warum die Beatles immer noch die beste Band der Welt sind

Die Beatles sind nicht meine Lieblingsgruppe. Sie sind viel mehr. John, Paul, George und Ringo kreisen durch meine Blutbahn, sind Bestandteil meiner DNA. Sie sind für mich ein so selbstverständlicher Teil meines Lebens wie die Sonne oder der Regen. Ohne ihre Musik, ihre Persönlichkeiten kann ich mir mein Leben und auch meine eigene Musik nicht vorstellen.

Mit 14 Jahren wagte ich mich alleine in das Dammtorkino in Hamburg. Dort lief der Beatles-Film „Let it be“. Ich erwartete einen unbeschwerten Spaß im Stil von „A Hard Dayʼs Night“ oder „Help!“. Stattdessen gab es das düstere Porträt einer Band, die sich in ihre Einzelteile zerlegte. Ich war den Tränen nahe als George Harrison zu Paul McCartney sagte: „Ich spiele alles, was du willst. Wenn es dich glücklich macht, spiele ich gar nicht.“

Ende der Beatles: Das sollten meine vier Freunde sein?

Erschüttert stand ich im Regen auf der Dammtorstraße. Das sollten meine vier Freunde sein? Ein stummer John, ein überehrgeiziger Paul, der miesepetrige George und Ringo, dem das alles scheinbar völlig egal war?

Die Idee des Films war es, die berühmteste Band der Welt bei den Proben zu einem neuen Album, einer TV Show und einem Auftritt zu begleiten. Hautnah. Ohne Studio-Tricks. Alles live. So wie in den Anfangstagen der Band. Dabei wurden 56 Stunden Material produziert. Filmbilder und Musik. Der damalige Regisseur Michael Lindsay-Hogg machte daraus einen Film, der das Ende der Band und das Ende der 60er-Jahre zeigte. Der riesige Rest der Aufnahmen verschwand in den Regalen.

Regisseur Peter Jackson bringt die Magie zurück

Jetzt hat Regisseur Peter Jackson eine dreiteilige Serie aus dem bisher ungenutzten Archiv-Material geschnitten. Der erste Teil läuft auf Disney. In meinen Träumen habe ich mir immer vorgestellt, dabei zu sein, wenn die Beatles üben, Songs schreiben, ihre Witze reißen, einfach die Beatles sind. Genau das durfte ich jetzt erleben.

„Hey Jungs, ich habe gestern Abend einen kurzen Song geschrieben. Wollt ihr mal hören?“ George spielt „I Me Mine“ vor. Noch unfertig. Paul übt im Hintergrund einen Song am Klavier, sucht nach Worten. Roadie Mal Evans schreibt Wort für Wort mit, was Paul über seine früh verstorbene Mutter Mary singt. „When I find myself in times of trouble, mother Mary comes to me…“.

John ist sehr still in diesem ersten Teil. Seine beste Szene: Wegen Materialmangels werden alte Songs hervorgekramt. Auch ein RockʼnʼRoll-Klopfer, den er mit 15 Jahren geschrieben hat. Die Band steigt ein. Das haut hin. „One After 909“ funktioniert sofort. Ringo ist der hilfreichste Drummer, den man sich vorstellen kann. Kein Wort, kein Schlag zu viel. Er hört ganz genau zu, wenn die Jungs ihre neuen Songs vorspielen.

Mein 14-jähriges Ich hat es immer geahnt

Die Beatles mussten die beste Band der Welt sein. Ein übermenschlicher Druck lastete auf ihnen. Produzent Glyn Johns macht den Jungs mehrfach klar, was die Band der Welt schuldig ist: die besten Songs, die beste Show, die besten Beatles. Diese Last sorgt für Streit, für angespannte Nerven, für einen übermotivierten Paul McCartney. George Harrison steigt kurz aus der Band aus. Dann wieder ein.

Aber mein 14jähriges Ich hat es trotz aller Enttäuschung über die deprimierende Atmosphäre des ursprünglichen Films geahnt – und jetzt kann sich endlich jeder überzeugen: Wenn die alten Freunde zusammen spielen und langsam ihren Sound, ihre Songs finden, ist alles sofort wieder da. Die Blicke, die positive Freundschaftlichkeit, der Spaß. Dann sind sie einfach diese kleine, große Band aus Liverpool, die auch in ihren schwächsten Momenten in einer eigenen, transzendentalen Liga spielt, die außer ihnen niemand jemals erreicht hat.

Dieser Text erschien zuerst auf stern.de

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