Der Sommer geht, eine neue Welt erwartet uns

Wer mit dem Fahrrad fährt, sieht mehr. Manchmal zu viel. Gestern flatterten bündelweise Blätter um meine Beine, und ich dachte: „Wie sehen die denn aus?“

Alle Blätter schon tiefbraun und das im Spätsommer! Morgens umweht dich frostkühle Luft und nun noch dieses Herbstlaub-Drama!

Ich finde, die Blätter sind wie ein Stück Leben. Eben noch saftig und grün, manche schon ein bisschen verschrumpelt. Und jetzt dieses dunkle Endzeitbraun.

Dann sitze ich im Büro und gucke raus auf ein Dutzend Pappeln, die am Ufer des Berliner Teltowkanals stehen: alle Blätter saftig grün, die Sonne taucht die Kronen in mildes Licht. Und ich denke: „Frühmorgens habe ich wohl was auf den Augen – von wegen Herbst. Wir sind mitten im Sommer!“

Am Computer der Schock: Der Bayerische Rundfunk berichtet über eine Untersuchung des Deutschen Wetterdienstes. „In den vergangenen fünf Jahrzehnten begannen Frühling, Sommer und Herbst bei uns immer früher. Und: Der Winter wurde immer kürzer.“

Der Grund: die Erderwärmung durch den Klimawandel. Es blüht immer früher, immer eher beginnt der Frühling. Wissenschaftler nennen das die „phänologischen Jahreszeiten“. Ob Haselnuss, Kirsche oder Apfel – alles ist schneller da. Biologisch gesehen: Die Fruchtreife des Schwarzen Holunders ist für Wissenschaftler das Zeichen, dass der Herbst beginnt. Der Holunder ist heute im Durchschnitt 18 Tage früher reif als vor 50 Jahren. 2020 hatte der Holunder am 22. August sein höchstes Reifestadium erreicht.

Mein Gefühl, wenn ich die Wissenschaftler richtig verstehe, ist also richtig: Der Herbst ist irgendwie schon unter uns. Er zeigt sich noch ein bisschen schüchtern, doch er wird immer kecker. Die Hochzeitsnächte der Natur neigen sich dem Ende zu. Selbst die Wespen, die mich diese Woche beim Italiener draußen geärgert haben, gehen jetzt früher schlafen.

Wissen Sie, liebe Leser, warum ich mich trotzdem nicht vor dem Lebensgefühl Herbst fürchte? Jetzt beginnt die Zeit der Kürbissuppen, der Steinpilze, der Apfelernte, der Laternenumzüge mit glücklichen Kindern. Wunderschöner Herbst – wie freue ich mich auf dich!

Ein bisschen melancholisch, aber unerreichbar berührend, hat Heinrich Heine den scheidenden Sommer beschrieben:

„Die Gipfel des Waldes umflimmert

ein schmerzlicher Sonnenschein;

Das mögen die letzten Küsse

des scheidenden Sommers sein

Mir ist, als müsst ich weinen

Aus tiefstem Herzensgrund;

Dies Bild erinnert mich wieder

An unsere Abschiedstund.“

Dieser Text erschien zuerst in BILD.

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