Ersticken wir bald in Elektroschrott?

Max Köttgen sitzt seit 2010 im Vorstand des Recycling-Unternehmens Remondis. Mit weit über 30.000 Beschäftigten in mehr als 30 Ländern einer der weltweit größten Dienstleister im Bereich der Recyclingwirtschaft. Er sprach mit Business Beast über die Bedeutung seiner Branche und die Herausforderungen, die durch die zunehmende Elektrifizierung beim Recycling von Elektroschrott entstehen.

Business Beast: Herr Köttgen, immer mehr technische Geräte enthalten Lithium-Ionen-Batterien. Solche Geräte haben eine endliche Lebensdauer. Sie landen früher oder später auf dem Müll. Das gilt auch für die Batterien in Elektro-Autos, von denen wir immer mehr haben werden. Bedeutet das auch immer mehr Elektroschrott?

Max Köttgen: Die Menge der weltweit anfallenden Elektroaltgeräte steigt seit vielen Jahren sehr viel stärker als andere Abfallarten. Ursachen sind der weltweit wachsende Wohlstand, zunehmende Elektrifizierung auch im Rahmen der angestrebten CO2-Reduktionen, aber auch verkürzte Lebenszyklen vieler Elektrogeräte durch Kosteneinsparungen und technische Überalterung. Gleichzeitig gibt es eine gegenläufige Tendenz durch immer kleinere und leichtere Elektrogeräte. Und bestimmte Arten von Geräten sterben sogar aus. Während Sie in der Vergangenheit in einem Haushalt einen schweren Röhrenfernseher, eine riesige Hi-Fi-Anlage, einen PC, Telefon, Taschenrechner, Wecker, Radiogerät und so weiter fanden, werden diese Funktionen zunehmend über Handy und Tablet ausgeführt.

BB: Das klingt trotzdem nach sehr viel Schrott. Wie schaffen wir es, damit klarzukommen?

MK: Ganz unabhängig von der Mengenentwicklung gibt es zum Beispiel in Europa schon seit 2005 eine Elektroaltgeräte-Direktive, die eine geordnete Sammlung und Verwertung von ausgedienten Elektrogeräten vorschreibt. Dadurch hat sich eine leistungsstarke und nachhaltige Recyclingindustrie entwickelt, die Elektroaltgeräte sammelt, von Schadstoffen befreit und aufbereitet, um sie dem Stoffkreislauf möglichst umfassend zuzuführen.Allein die Elektrorecyclingsparte der zu Remondis gehörenden TSR Recycling sammelt und verwertet in Europa mehr als 400.000 Tonnen Elektroaltgeräte.

BB: Das heißt…  

MK: … wir werden mit großer Wahrscheinlichkeit nicht am Elektronikschrott ersticken.  

BB: Was passiert eigentlich mit Batterien, wenn sie verbraucht sind?

MK: Für ausgediente Batterien gibt es in Deutschland und weiten Teilen Europas ein Gesetz, das die Rücknahme und Verwertung regelt. Der Bürger kann Batterien an verschiedenen Sammelstellen der Kommunen oder im Handel zurückgeben. Verschiedene Anbieter sammeln diesen Abfall ein und sortieren die Batterien nach Inhaltsstoffen und anderen Merkmalen. Danach werden sie aufbereitet und wenn möglich recycelt.

BB: Soviel zu den kleinen Batterien aus der Fernbedienung. Aber was passiert mit dem Akku aus einem Elektroauto?

MK: Für die immer häufiger eingesetzten Lithium-Ionen-Batterien, besonders die großen und energiereichen Akkus in Scootern, Fahrrädern oder E-Autos und Hybrid-Fahrzeugen entsteht gerade eine neue Sammel- und Verwertungsstruktur.Die Remondis Gruppe hat dafür bereits Rücknahmesysteme und Logistikkonzepte entwickelt, die auch dem ausgeprägten Brandrisiko Rechnung tragen und sogar mit schadhaften Batterien umgehen können. Schon deren Transport in die Verwertungsanlagen kann nämlich zu einem Problem werden, wenn der Brand- und Explosionsschutz nicht gewährleistet ist. Unsere Tochtergesellschaft RETRON hat dafür feuersichere Transportbehälter entwickelt, die sogar im Falle einer Explosion maximale Sicherheit bieten. Dafür mussten spezielle Transportsysteme für Akkus aller Größen entwickelt werden. Vom schrankgroßen Lkw-Akku über Pkw-Akkus bis zur Fahrradbatterie.Nach dem sicheren Transport werden dann in einer ersten Stufe die ausgedienten Batterien geprüft, tiefenentladen und demontiert. Danach erfolgt die mechanische Aufbereitung, um ein möglichst hohes Maß an Recycling-Rohstoffen zu gewinnen. Die werden der Rohstoffindustrie als Vormaterial geliefert. Also zum Beispiel wertvolle Metalle wie Nickel, Kobalt, Lithium, Mangan, Kupfer, Eisen oder Aluminium.

BB: Was sind die besonderen Herausforderungen bei der Entsorgung?

MK: Die Herausforderungen sind vielfältig. Das beginnt bei der Entnahme aus den Altgeräten oder Elektrofahrzeugen. Die Energie in diesen Batterien ist sehr viel höher, als wir das aus bisherigen Batteriesystemen kennen. Daraus resultieren verschärfte Anforderungen an den Arbeitsschutz. Die Mitarbeiter müssen bei der Demontage und beim Umgang mit den Altbatterien zusätzliche Schutzausrüstung tragen und im Umgang mit solchen energieintensiven Batterien besonders geschult sein. Ansonsten drohen ernsthafte Verletzungen bis hin zum lebensgefährlichen Stromschlag.

BB: Häufig hört man von brennenden Akkus…

MK: … vor allem bei schadhaften Batterien. Dort gibt es ein großes Brand- und sogar Explosionsrisiko. Schäden können entweder durch Produktionsmängel oder durch Beschädigungen beim Gebrauch entstehen. Dann kann es zu Kurzschlüssen kommen und zu einer Entzündung der Batterie. Die Entsorgungsbranche kämpft seit einigen Jahren mit Bränden, die durch unsachgemäß entsorgte Lithium-Ionen-Batterien entstehen. Die kabellose Elektrifizierung steht ja erst am Anfang und die großen Mengen an ausgedienten Batterien werden erst in der Zukunft zurücklaufen. Es ist also zu befürchten, dass diese Situation mittelfristig nicht besser wird.Hier müssen dringend Anreize geschaffen werden. Zum Beispiel durch ein Pfandsystem, um die Endverbraucher und Annahmestellen zu motivieren, gebrauchte Akkus und Batterien zu sammeln und einer geeigneten Entsorgung zuzuführen.

BB: BMW hat zum Beispiel gerade in ein Start-up investiert, das Lithium aus Salzwasserlagerstätten gewinnt. Was kann ihre Branche dazu beitragen, den Rohstoffmangel zu bekämpfen?

MK: Das Problem fängt doch schon viel früher an, nämlich bereits beim Produktdesign. Hier ist der Gesetzgeber gefordert, nur noch solche Produkte zuzulassen, die wirklich kreislauffähig sind. Dann würde es zwangsläufig einen Investitionsschub bei den Produzenten und einen Innovationsschub auf der Ingenieursseite geben, weil Produzenten mit schlecht recycelbaren Produkten auf dem Markt keine Chance mehr hätten. Was wir uns in Zukunft nicht mehr leisten können, sind Autos, Fahrräder, Scooter und Haushaltsgeräte, deren Akkus schwer zu recyceln sind oder schlimmstenfalls sogar abbrennen, bevor das Material überhaupt in der Verwertung landet. Wenn die Recyclingindustrie gemeinsam mit den Batterieherstellern den Rohstoffmangel in Grenzen halten soll, geht das also nicht ohne nachhaltiges Produktdesign. Viele der benötigten Rohstoffe werden aktuell nicht in Europa gefördert, weil es hier zu wenig davon gibt. Gleichzeitig wird die Nachfrage nach diesen Rohstoffen in den nächsten Jahren drastisch steigen. Einen Vorgeschmack darauf bekommen wir in der aktuellen Rohstoffkrise, die unsere Abhängigkeit von Rohstoffproduzenten wie China sehr deutlich macht.

BB: Wie kommen wir aus dieser Abhängigkeit heraus?

MK: Das ist schwer zu sagen. Eine „Circular Economy“ könnte helfen, diese Abhängigkeit etwas abzumildern und Europa in eine strategisch bessere Position zu bringen. Allerdings sind wir von einer Unabhängigkeit von den großen Rohstoffproduzenten auch dann noch weit entfernt. Doch neben diesen eher strategischen Aspekten steigert ein funktionierender Recyclingprozess natürlich auch die Nachhaltigkeit der Batterien. Das bringt also die Elektrifizierung dieses Landes voran. Dabei darf man nicht vergessen: Ein wesentliches Argument für den Einsatz der Lithium-Ionen-Batterien, insbesondere im Verkehrswesen ist ja der Umweltschutz. Wenn es also nicht gelingt, die darin enthaltenen Rohstoffe umweltfreundlich zu recyceln, bleibt der gewünschte ökologische Effekt hinter den Erwartungen zurück.  

BB: Wie nachhaltig ist die Entsorgung von Akkus und Batterien?

MK: Die Abfallentsorgung in Deutschland gehört zu den nachhaltigsten weltweit. Wir sind in vielerlei Hinsicht Vorreiter, wenn es um die getrennte Erfassung verschiedener Abfälle geht und das umweltgerechte Recycling oder die umweltgerechte Entsorgung. Das schließt auch die aktuell auf dem Markt befindlichen Akkus und Batterien mit ein.

BB: Aber nur, wenn die Entsorgung auch wirklich fachgerecht stattfindet?

MK: Das stimmt. Schwieriger wird es natürlich, wenn der Endverbraucher oder die Industrie nicht mitziehen. Landen Batterien und Akkus im Restmüll oder Eisenschrott, steigt nicht nur das Brandrisiko. Es führt auch zu unkontrollierten chemischen Reaktionen. Dabei entstehen Schadstoffe, die nicht gezielt aufgefangen und unschädlich gemacht werden. Außerdem gehen die enthaltenen Rohstoffe verloren. Recycling und Nachhaltigkeit hängen also nicht nur davon ab, dass Gesetze erlassen werden und die Industrie Lösungen schafft, sondern auch vom Verhalten der Gesellschaft.

BB: Blicken Sie dabei optimistisch in die Zukunft?

MK: Bei den Lithium-Ionen-Batterien steigen die Rücklaufquoten gerade erst an. Noch können sie über die bestehenden Systeme und Aufbereitungskapazitäten bewältigt werden. Aber sie stoßen zunehmend an ihre Grenzen. Die Aufbereitungsprozesse für solche Batterien sind noch in der Entwicklung und können nicht von heute auf morgen genutzt werden. Es bleibt abzuwarten, ob die vielen geplanten Aufbereitungsanlagen rechtzeitig in Betrieb gehen, bevor die Menge der zurücklaufenden Batterien drastisch steigt. So oder so sollte die hierzulande schon sehr ausgeprägte Kreislaufwirtschaft mit ihrer gewachsenen Struktur und den vielfältigen Erfahrungen aber dazu beitragen, dass wir auch für diese neuen Abfälle eine nachhaltige Sammlung und Verwertung sicherstellen können. Im internationalen Vergleich sollten wir dann weiterhin zu den Spitzenreitern gehören. Dann ersticken wir auch nicht im Elektroschrott.

BB: Herr Köttgen, vielen Dank für das Gespräch.

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