Ex-General Kujat warnt vor Vergeltungsterror

Harald Kujat, ehemaliger Vier-Sterne-General, im Gespräch mit Business Beast über die aktuelle Lage in Afghanistan. Zur Zeit der Anschläge vom 11. September 2001 und dem folgenden Beginn des Einsatzes in Afghanistan war er Generalinspekteur der Bundeswehr. Später wurde er Vorsitzender des NATO-Militärausschusses und war für die militärischen Planungen des NATO-Einsatzes in Afghanistan verantwortlich. Den Einsatz beobachtet der Träger des Bundesverdienstkreuzes bis heute aufmerksam. Er gilt als gefragter Experte auf dem Gebiet der deutschen Verteidigungspolitik.

Business Beast: General Kujat, heute scheint Afghanistan für den Westen verloren. Steigt jetzt in Europa das Risiko für terroristische Attentate?

Harald Kujat: Grundsätzlich gilt, obwohl das viele ignorieren: Al-Qaida ist nie ganz aus Afghanistan verschwunden. Und der Islamische Staat mit seinem Ableger IS-Khorasan ist inzwischen da. Wenn sich die Taliban erst richtig eingerichtet haben, werden sich für diese Terrororganisationen wohl deutlich mehr Freiräume ergeben. Das bedeutet, wir müssen tatsächlich damit rechnen, dass von dort aus wieder eine höhere Terrorgefahr ausgeht, denn die Taliban werden Terrorakte außerhalb Afghanistans wohl kaum unterbinden. Sie werden sich vor allem gegen Staaten richten, die in Afghanistan mit Soldaten vor Ort waren. Dazu gehört auch Deutschland. Man muss sich also fragen: Wie gehen wir mit dieser Bedrohung um? Die USA haben die Fähigkeit, gegen Terrororganisationen über große Entfernungen vorzugehen. Sie können den IS „over the horizon“ bekämpfen. Dazu sollten jedoch militärische Basen in geografischer Nähe zur Verfügung stehen, was immer mehr zu einem Problem wird. Für die Europäer gestaltet sich dagegen ein Schutz gegen Terrorangriffe wesentlich schwieriger.

BB: Geht es um Vergeltung oder den Export von Islamismus?

HK: Es ist zunächst das Hochgefühl, den Westen und mit ihm die größte Militärmacht – die NATO einschließlich USA – besiegt zu haben. Das sind denkbar gute Voraussetzungen, um die eigene Ideologie zu verbreiten. Schließlich besagt auch der Koran, es müsse gegen die Ungläubigen vorgegangen werden.

BB: In Afghanistan droht ein Kalifat der Taliban. Das gab es schon unter dem Islamischen Staat. Die beiden wiederum sind miteinander aufs Blut verfeindet. Fürchten Sie eine weitere Eskalation?

HK: Taliban und IS sind sich spinnefeind. Mit Al-Qaida hatten die Taliban immer ein Arrangement. Das hat sich auch in der Zeit, als die NATO vor Ort war, nicht geändert. Auch wenn Al-Qaida sich sehr zurückhielt. Mit dem IS sieht es etwas anders aus. Ich wage keine Vorhersage, aber es hängt auch davon ab, wie sich die Dinge in Syrien und im Irak nach dem Abzug der amerikanischen Streitkräfte entwickeln. Dass es dort zu nachhaltiger Stabilität kommt, ist eher zweifelhaft. Ebenso hängt es davon ab, wie die beiden Großmächte China und Russland sich verhalten. In Syrien wollen sich die Chinesen sehr früh am Wiederaufbau beteiligen. Zwar halten sie sich militärisch bisher zurück, suchen aber den wirtschaftlichen Einfluss. Das werden die Russen nach meiner Einschätzung zulassen. Schon weil die Zusammenarbeit dieser beiden Mächte seit Jahren zunimmt. Ich denke, dass es zu einem Modus Vivendi zwischen den Taliban und dem IS kommt: Die Taliban kontrollieren Afghanistan, lassen aber dem IS freie Hand für Terrorakte außerhalb des Landes.

BB: Was genau unterscheidet eigentlich den IS von den Taliban?

HK: Ich bin kein Religionsforscher. Aber die Erklärung des Londoner Kings College halte ich für plausibel. Die Taliban sind vorwiegend Paschtunen und hegen keine imperialen Gedanken. Der IS reklamiert für sich den Alleinvertretungsanspruch des Islam – und das gilt für die ganze Welt. Beide stehen für Brutalität bei der Durchsetzung ihres Glaubens, die Taliban begrenzen sich dabei aber weitgehend auf ihr Land.

BB: Oft heißt es dieser Tage, es geht um Rohstoffe: seltene Erden, Ölvorkommen, Lithium. Man hört aber auch es geht um Opium.

HK: Zum politischen Konzept der NATO gehörte ja auch, den Schlafmohnanbau zu reduzieren, idealerweise sogar ganz zu beseitigen. Das Problem: Damit lösen sich auch die Einkommen der Bauern in Luft auf. Das Abbrennen der Felder hat auch nicht viel gebracht, weil dadurch der Weltmarktpreis in die Höhe geschossen ist. Letzten Endes sind wir doch in die alte Situation zurückgefallen. Afghanistan produziert also nach wie vor. Mir war klar, dass man den Bauern eine Alternative vor Ort bieten muss. Mein Vorschlag war: Warum helfen wir der Landbevölkerung nicht, indem wir sie unterstützen, stattdessen Rosen anzubauen. Da haben mich die Politiker für verrückt erklärt (lacht). In Wahrheit aber ist es so, dass in den 1920er-Jahren das meiste Rosenöl aus Afghanistan kam. Zur Wahrheit gehört auch, dass der Boden dort besonders gut für diesen Zweck geeignet ist. So abwegig war das also gar nicht. Aber alle anderen hielten es für einen billigen Scherz.

BB: Fehlte also die wirtschaftliche Perspektive?

HK: Ganz genau. Darin steckt ein grundsätzliches Problem. Wir haben den Afghanen wirtschaftlich nichts Attraktives geboten. Wir haben Geld reingepumpt – massenhaft Geld sogar. Allein die Amerikaner haben ja für den gesamten Aufenthalt – inklusive Kosten für den Militäreinsatz – zwei Billionen US-Dollar investiert, Deutschland ebenfalls viele Milliarden. Das haben sich vor allem die Herrschenden in die Tasche gesteckt. Bei der Bevölkerung kam nichts an. Wir haben nicht dazu beigetragen, dass sich ein wirtschaftlicher Erfolg einstellt.

BB: Ex-Präsident Trump zetert, Afghanistan sei die peinlichste Niederlage der US-Außenpolitik aller Zeiten. Ist er nicht Verursacher der aktuellen Misere?

HK: Richtig, aber es gibt im Grunde drei Wendepunkte. Man spricht immer vom „Afghanistaneinsatz“. Aber es waren eigentlich drei verschiedene Phasen. In der Ersten war der Einsatz auf Kabul begrenzt. Es ging nur darum, die afghanische Regierung zu beraten und beim Aufbau einer Sicherheitsstruktur zu unterstützen. Wir sind davon ausgegangen, dass die Taliban im Grunde zwar nicht endgültig besiegt, aber doch weitestgehend geschlagen waren. Mit der Zeit stellten wir jedoch fest, dass sie sich in Rückzugsräumen in Pakistan rekonstituiert hatten und langsam wieder stärker wurden. Daraufhin wurde 2003 eine neue Phase eingeleitet. Der Einsatz wurde auf ganz Afghanistan ausgedehnt und militärisch wesentlich verstärkt. Unglücklicherweise haben die Amerikaner zur gleichen Zeit den Krieg im Irak begonnen und dort erhebliche Kräfte gebunden. Es dauerte eine Weile, bis sie wieder größere Kapazitäten für Afghanistan freisetzten konnten.

BB: Fand in dieser Phase auch das „Nation Building“ statt?

HK: In diese Phase fällt zumindest das, was fälschlicherweise als „Nation Building“ bezeichnet wird. Denn so etwas haben wir in Afghanistan nie verfolgt.

BB: Aber war nicht klar, dass es genau das braucht?

HK: Nun, Sie können aus der afghanischen Bevölkerung keine Nation machen. Das sind unterschiedliche ethnische und soziale Gruppierungen mit völlig verschiedenen historischen und kulturellen Hintergründen.

BB: Was haben wir denn überhaupt in Afghanistan getan?

HK: Wir haben durchaus versucht, effektive und lebensfähige staatliche Strukturen aufzubauen. Also zum Beispiel durch ein funktionierendes Justizsystem inklusive Ausbildung der Polizei und Streitkräfte, die Entwaffnung von Milizen und deren Reintegration in die Gesellschaft. Natürlich auch durch den Aufbau von Schulen und die Förderung größerer Freiheiten für Frauen und Mädchen. Dass damit auch verbunden war, demokratische Strukturen zu errichten, versteht sich von selbst. Sonst funktioniert es nicht. Aber ein geschlossenes „Nation Building“-Konzept gab es nicht.

BB: Warum war das jetzt alles umsonst?

HK: So ein politisches Konzept war in Afghanistan wirkungslos, weil wir keine zentrale Steuerung hatten. Stattdessen wurde die Verantwortung nach dem Lead-Nation-Prinzip auf einzelne NATO-Staaten übertragen. Anders als auf dem Balkan, wo ein hoher Repräsentant eingesetzt wurde, der Minister entlassen, Regierungen neu ordnen und Gesetzte akzeptieren oder ablehnen konnte. Zumindest so lange, bis wirklich etwas Lebensfähiges entsteht.

BB: Genau das gab es doch nie.

HK: Das war der große Fehler. Schon ab 2009 zeigte sich, dass das Konzept nicht aufging. Die offenen Kämpfe mit den Taliban wurden immer intensiver. Ich habe deshalb schon 2011 öffentlich gesagt, dass der Einsatz politisch gescheitert ist. Das haben auch die Amerikaner verstanden. Noch unter Obama haben sie 2014 die dritte Phase eingeleitet. Aus dem Kampfeinsatz wurde ein Ausbildungseinsatz. Das abrupte Umsteuern war ein weiterer Fehler. Nur im gleichen Maße wie die afghanischen Streitkräfte Fähigkeiten aufbauen, hätte man den eigenen Einsatz reduzieren dürfen. Diese Balance hat gefehlt, da wir nur noch ausgebildet haben. Mit dieser Entscheidung war der Rückzug eigentlich schon eingeleitet. Die Taliban haben das genau verstanden und mussten nur noch abwarten. Und erst jetzt kommt Trump ins Spiel. Er hat erklärt, die USA müssen ihre Soldaten da endgültig rausholen. Dafür hat er in Doha Verhandlungen mit den Taliban geführt und im Februar letzten Jahres ein Abkommen mit ihnen geschlossen. Die afghanische Regierung war daran nicht beteiligt. Die Taliban haben im Grunde zugestimmt, die Füße still zu halten, solange die USA noch vor Ort sind und sie in Frieden abziehen zu lassen.

BB: Das bedeutet…

HK: … Trump selbst hat die Endphase eingeleitet. Schließlich hat Biden im April nur noch erklärt, er werde das vor dem 11. September, also spätestens bis zum 31. August umsetzen. Da hätte die Rückholaktion der zivilen Mitarbeiter und der eigenen Staatsbürger längst beginnen müssen. Man hat stattdessen geglaubt, die afghanische Armee sei stark genug, um die Taliban aufzuhalten. Jeder mit ein wenig Verständnis für die Lage vor Ort wusste, dass dies nicht stimmte. Übrigens auch die Amerikaner. Deshalb kann ich nicht verstehen, warum die Bundesregierung bis zum letzten Augenblick gewartet hat. Das alles muss man in dieser Abfolge sehen. Letztlich haben drei amerikanische Präsidenten – Obama, Trump und Biden – zu diesem Ende des Einsatzes beigetragen. Donald Trump selbst am allermeisten.

BB: Wie sieht die Zukunft von Afghanistan nun aus? Versinkt das Land im Bürgerkrieg, während die großen Mächte um Einfluss ringen?

HK: Es gibt natürlich noch Reste der ehemaligen Nordallianz, also denjenigen, die die Taliban 2002 aus dem Land vertrieben haben. Offenbar gibt es durch diese auch Bemühungen, kleinere Regionen von den Taliban freizuhalten. Da kann es also durchaus zu lokalen Kämpfen kommen. Ich sehe aber keine Möglichkeit, dass diese verbliebene Nordallianz in der Lage wäre, die Taliban insgesamt zu besiegen. Es kann auch zu Auseinandersetzungen mit dem IS kommen. Aber im Großen und Ganzen haben die Taliban die Macht übernommen und werden sie auch behalten. Die Frage ist nun, wie sie sich mit Russland und China arrangieren. Beide Staaten haben ja große Interessen in Afghanistan. Die Russen daran, dass sich der Islamismus nicht weiter an die eigene Grenze ausweitet. Deshalb wollen sie Einfluss im Land behalten und konstruktiv mit den Taliban zusammenarbeiten. Die Chinesen verfolgen das Interesse, die neue Seidenstraße ununterbrochen fortzusetzen. Aber auch einen Zugriff auf interessante Rohstoffe zu bekommen. Ich denke zum Beispiel an Lithium für moderne Batterien. So macht es China schon seit Jahren in Afrika.

BB: Muss der Westen sich vom Gedanken verabschieden, dass der Rest der Welt unbedingt nach seinem Muster leben will? Viele Engagements enden immer wieder im militärischen und wirtschaftlichen Desaster.

HK: Das ist sicherlich richtig. Wir müssen außerdem zur Kenntnis nehmen, dass es den amerikanischen Weltpolizisten nicht mehr gibt. Diese Zeit ist vorbei und auch die amerikanischen Möglichkeiten sind heute begrenzt. Zudem wird die Rivalität zwischen den USA und China immer intensiver. Es geht um Einflusszonen. Denken Sie an den Südpazifik. Dort versuchen die Chinesen die Amerikaner raus zu drängen. Oder an die Ukraine. Diese betrachten die Russen als historisches Einflussgebiet. Da stellt sich wiederum die Frage: Wie positioniert sich Europa? Welche Rolle wollen wir in der neuen Weltordnung ­– der Rivalität der großen Mächte – spielen? Unsere Möglichkeiten sind äußerst begrenzt, obwohl es für uns um nichts Geringeres als die „Selbstbehauptung Europas“ geht, wie es der britische Historiker Timothy Ash nennt.

BB: Woran mangelt es Europa?

HK: Wir müssen stärker in der Lage sein, unsere Interessen durchzusetzen und für unsere eigene Sicherheit zu sorgen. Die Welt ist nicht mehr so stabil wie einst. Die Globalisierung hat zwar Gewinner hervorgebracht, aber auch eine ganze Reihe von Verlierern. Es ist klar zu erkennen, dass in vielen Bereichen der Welt die natürlichen Lebensgrundlagen zerstört werden. Das führt dazu, dass Konflikte entstehen und sich große Migrationswellen in Bewegung setzen. Nehmen Sie zum Beispiel Afrika. Die afrikanische Bevölkerung wird sich bis zum Jahr 2050 verdoppeln. Sie haben aber fast keine eigene Industrie. Können die jungen Menschen also nicht in Lohn und Brot bringen. Auch der Syrienkrieg ist entstanden, weil dort seit Anfang des Jahrtausends eine Dürrekatastrophe herrscht, wie sie zuletzt vor 900 Jahren aufgetreten ist. Das hat dazu geführt, dass die Bauern ihr Vieh verloren haben, in die Städte gezogen sind und dort kein Auskommen hatten. Die Regierung hat Demonstrationen schließlich brutal niedergeschlagen. Und immer wenn interne Konflikte entstehen, sind auch Terroristen zur Stelle und nutzen die Situation aus. Das sehen wir sehr oft.

BB: Was heißt das konkret?

HK: Wenn wir unseren eigenen Lebensstil, unsere eigene Freiheit und unser eigenes Wohlergehen in Zukunft bewahren wollen, müssen wir versuchen, Regionen, die zu Instabilität neigen, zu stabilisieren. Wir brauchen, was Helmut Schmidt als „Gesamtstrategie“ bezeichnet hat. Das Zusammenwirken von diplomatischen und wirtschaftlichen Anstrengungen, Entwicklungszusammenarbeit, Rüstungsexporten und Rüstungskontrollen. Auch von militärischen Mitteln, wenn es unbedingt notwendig ist. Da rückt auch der internationale Terrorismus in den Fokus. Aber der ist dabei immer nur ein Faktor, der hinzukommt, nicht aber die Grundlage all der Probleme. Ich sehe bei uns niemanden in der Bundesregierung, der über den außen- und sicherheitspolitischen Weitblick und das strategische Urteilsvermögen verfügt, um daraus die richtigen Konsequenzen zu ziehen, einschließlich des Aufbaus einer schlagkräftigen Bundeswehr. Das ist unsere größte Herausforderung für die Zukunft.

BB: General Kujat, vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Ulrich Porwollik. Mitarbeit Alexander Aragón Berger und Maxim Zöllner-Kojnov.

Titelbild via Pexels. Bild „180613 Nein zur Nato“ von Fraktion DIE LINKE. im Bundestag unter der Lizenz CC BY 2.0 via Flickr.

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