Die große Welt des kleinen Radios

Sie gehen in einen Keller, und ein Universum tut sich auf. Das habe ich gerade erlebt. Bei einem Freund stand ein 50 Jahre altes Radiogerät. Es war verstaubt und mit ihm die Welt, für die es einst stand: die Welt des Radios.

Was heute BILDlive, Netflix, Amazon Prime, Youtube, Instagram sind, war jahrzehntelang das Radio. Die Sender hießen Hilversum oder Beromünster, Städte in Holland und in der Schweiz – Namen, die man nur vom Radio kannte.

Was waren die Deutschen stolz auf ihre Radiogeräte! Sie wurden immer größer, ab den 60er-Jahren in Stereotruhen gebettet. Die Radios hatten ein magisches Auge, mit dessen Hilfe das Rauschen verschwand, indem man den gewünschten Sender genau in der Mitte des Auges fixierte.

Was hörte man in diesen Zeiten? Bei uns in Berlin „Schlager der Woche“, „Onkel Tobias vom RIAS“, das Quiz „Wer fragt, gewinnt“ mit Hans Rosenthal und dem „Zwerg Allwissend“ und, bis heute legendär, das Kabarett „Die Insulaner“. Deren Song wurde eine Art Berliner Nationalhymne: „Der Insulaner verliert die Ruhe nicht“.

Bei uns zu Hause gab es ein besonderes Radio-Ritual: Sonntagabend, 20:30 Uhr, hörte die Familie „Es geschah in Berlin“ – ein spannendes Kriminalhörspiel des Senders RIAS, jede Folge 30 Minuten. Es lief von 1951 bis 1972 (499 Folgen).

Manchmal kamen Freunde zu meinen Eltern. Sie hörten mit uns, wenn im Radio Türen schlugen, Schritte auf einen zukamen, Schmerzensschreie, Schüsse – viel Futter für die Fantasie. Ich war vielleicht zehn und konnte manchmal nicht einschlafen danach.

Es gab eine eiserne Regel in dieser halben Stunde: kein Rascheln, kein Schmatzen und vor allem – Klappe halten! Sonst verlor man den Faden der Handlung. Beim Fernsehen kann man dazwischenquatschen, geht beim Radio nicht. Und Handys wären der Tod jedes Hörspiels gewesen.

Heute schalten jeden Tag 35 Millionen Menschen täglich das Radio an – wahrscheinlich mehr als in der analogen Mittelwellen-Zeit. Und ich weiß, dass es auch heute noch (und wieder) wunderbare Hörspiele gibt. Aber unsere Sinne sind verwöhnter. Zum Ton gehört das Bild, wir wollen Schauspieler sehen, Action, Träume, Tränen, was auch immer.

Das gute alte Hörspiel als abendliches gemeinsames Familienerlebnis – es hat ausgedient. Alles hat seine Zeit.

Dieser Text erschien zuerst in BILD.

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