Wie Hedgefonds auf Klimaschutz drängen

Als der US-amerikanische Ökonom Milton Friedmann in den 1970er-Jahren über die soziale Verantwortung von Unternehmen nachdachte, stand seiner Überlegung zur Geschäftsethik wenig entgegen. „The Business of Business is Business…“. Die Hauptverantwortung von Unternehmern bestehe gegenüber den Aktionären. Ihr Ziel sei die höchste Rendite.

Für Jahrzehnte war dieser Imperativ einer der einflussreichsten der Geschäftswelt. Inzwischen erscheint er nicht nur antiquiert, sondern sogar reichlich riskant. Denn Jahrzehnte des technologischen Wandels schufen eine ungeahnte digitale Transparenz. Noch vor wenigen Jahrzehnten wussten nur die wenigsten, womit ein Unternehmen überhaupt beschäftigt war. Heute haben Außenstehende eine Vielzahl von Möglichkeiten, die Aktivitäten eines Unternehmens genauestens zu verfolgen, Fehlverhalten in aller Welt publik zu machen und weltweit Kampagnen und Boykottaufrufe zu steuern.

Das ließ in den letzten Jahren vor allem in Europa den Markt für ESG-Anlagen explodieren. ESG, das steht für Umwelt (Environment), Soziales (Social) und Unternehmensführung (Governance) und beschreibt Unternehmensziele, die über Rendite für Aktionäre hinausgehen. 

Es gibt immer einen Verrückten der vom Ende der Welt erzählt

Zuletzt mehrten sich allerdings die Anzeichen, dass es mit Geldanlagen nach ESG-Kriterien wieder etwas gemäßigter zugehen könnte. Erst Anfang des Monats musste DWS-Chef Asoka Wöhrmann seinen Posten räumen. Ausgelöst wurde das Beben durch die Whistleblowerin Desiree Fixler. Die frühere Nachhaltigkeitschefin der Deutsche-Bank-Tochter DWS hatte erklärt, ihr früherer Arbeitgeber betreibe in großem Umfang Greenwashing mit nachhaltigen Geldanlagen.

Tariq Fancy, ehemaliger Nachhaltigkeitsexperte des US-Vermögensverwalters BlackRock, kritisierte, dass ESG in Wahrheit die Eindämmung des Klimawandels behindere, da es die notwendige Verantwortung von Regierungen und Behörden nehme, Kapital in nachhaltige Zwecke umzuleiten. Und Stuart Kirk, Leiter der Abteilung für nachhaltige Anlagen in der Vermögensverwaltung der britischen Bank HSBC äußerte jüngst sogar, die Klimarisiken für Investoren würden überbewertet. Investoren bräuchten sich keine Sorgen wegen des Klimawandels zu machen, sein Einfluss sei zu vernachlässigen. Es gäbe schließlich immer einen Verrückten, der vom Ende der Welt erzähle. Wohl wegen dieser Äußerung ist Kirk seinen HSBC-Job inzwischen los.

Marketing und Überzeugung?

Und dennoch, immer mehr Finanzinstitute scheinen dem ESG-Trend bereitwillig zu folgen. Aus unternehmerischem Kalkül oder aus persönlicher Überzeugung. Investitionen in fossile Rohstoffe werden zunehmend als Risiko eingestuft. Denn sie sollen in Zukunft an Wert verlieren. Das ist politisch auch gewünscht. Initiativen wie die EU-Taxonomie erhöhen diesen Druck. Finanzdienstleister sind deshalb längst damit beschäftigt, Geldströme in vermeintlich nachhaltige – und damit langfristig rentablere – Geldanlagen umzulenken. Daraus ist inzwischen ein Geschäftsmodell geworden.

Das Bankhaus HSBC erklärte erst im März, sich im Einklang mit dem 1,5-Grad-Ziel aus der Finanzierung fossiler Brennstoffe zurückzuziehen. BlackRock-CEO Larry Fink rief die Lenker der weltweit knapp 15.000 Unternehmen, in denen der US-Vermögensverwalter investiert ist, dazu auf, den Kampf gegen den Klimawandel zu verschärfen. Die Emissionsreduktion müsse langfristig in die Geschäftsstrategien eingebunden werden. Unternehmen, die ESG-Prinzipien nicht folgen, müssten damit rechnen, hinter ihren ESG-treuen Konkurrenten zurückzubleiben, so Fink.

Interessanterweise begründen besonders aktivistische Investoren ihr Vorgehen immer öfter mit ihrer Sorge um die fehlende Nachhaltigkeit. Aus einer Untersuchung des Beratungsunternehmens Alvarez & Marsal ging hervor, dass die Anzahl aktivistischer Kampagnen mit Fokus auf ESG-Kriterien zwischen 2018 und 2021 um das 2,5-fache zugenommen habe. Gemeint sind Versuche über Beteiligungen die Strategien von Unternehmen zu beeinflussen. Ziel ist, die Wertsteigerung der eigenen Anteile.

Ein Kampf für die Windmühlen

So versuchte im vergangenen Jahr der Hedgefonds Engine No. 1, den Mineralölkonzern ExxonMobil zu mehr Klimaschutz zu verpflichten. Mit 0,02 Prozent der Anteile gelang es dem Fonds sogar, drei Mitglieder in den Verwaltungsrat, das wichtigste Exxon-Gremium, durchzuboxen, nachdem er sich die Unterstützung weiterer wichtiger Anleger sichern konnte. Auch der Ölkonzern Chevron kann von ähnlichem berichten. 

In Deutschland wurde RWE von Enkraft Capital gedrängt, sein Braunkohlegeschäft abzuspalten und die Geschäftsbereiche für nachhaltige Energie auszubauen. Dabei könnte so eine Aufspaltung sogar durchaus kontraproduktiv sein. Kritiker wenden ein, auf diese Weise würde die Transformation des gesamten Unternehmens ausbleiben. Kurzfristig seien dabei zwar tatsächlich Kursgewinne zu erwarten – ganz im Sinne des Investors. Die Wette auf das Zeitgeistthema Nachhaltigkeit soll in diesen Fällen Rendite erbringen.

Langfristig aber wäre vermutlich weder der Umwelt noch dem Unternehmen geholfen. 0,07 Prozent der RWE-Anteile hielt Enkraft Capital. Dessen Antrag wurde mit 97 Prozent der Stimmen auf der Hauptversammlung von RWE deutlich abgelehnt. Der ESG-versierte Investor Bluebell Capital Partners war zuletzt ebenfalls in den Fokus gerückt und forderte die Glencore-Unternehmensgruppe mit Sitz in der Schweiz auf, das eigene Kohlegeschäft auszulagern.

Klimaaktivisten mit Aktienpaket

Auch für die Klimabewegung finden sich auf diese Weise interessantere Protestmöglichkeiten als das Festkleben auf Autobahnen oder Farbbeutelwerfen. Besonders interessant: die Hauptversammlungen von börsennotierten Unternehmen. Nicht um vor versperrten Pforten zu demonstrieren, sondern um die Versammlungen als Forum für direkte Botschaften an Unternehmensvorstände zu nutzen und durch Unternehmensbeteiligungen Einfluss auf das künftige Geschäftsmodell von Konzernen auszuüben.

Waren Umweltaktivisten über Jahrzehnte vor allem auf Politiker und langwierige Kampagnen angewiesen, um die eigenen Anliegen durchzusetzen oder ihnen wenigstens Gehör zu verschaffen, so ist die neue Allianz von professionellen Investoren und Umweltaktivisten auch Ausdruck eines neuen Verhältnisses von Wirtschaft und Gesellschaft. Regierungen und Behörden verlieren an Glaubwürdigkeit. Das Vertrauen in die Effektivität des Staates bei der Bewältigung komplexer Probleme geht zugleich verloren.

Statt auf politische Initiativen zu warten, werden Unternehmen von Klimaaktivisten direkt ins Visier genommen. Hedgefonds haben hingegen verstanden, dass es nicht darum geht, ein wirklich nachhaltiges Unternehmen zu erschaffen. Ausreichend ist eine möglichst vollmundige Strategie, die den Wert des Unternehmens kurzfristig hebt, Aufmerksamkeit und Popularität erzeugt. Denn sobald es um die Umsetzung und die Ergebnisse der Strategie geht, wird man selbst schon lang nicht mehr an Bord sein. Marketing, Geschäftssinn und Überzeugung gehen dabei Hand und Hand.


Bild „8/366“ von Rene Dana unter der Lizenz CC BY 2.0 via Flickr.

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