Scharfe Waffen: Massenmedien im Krieg

Abseits der ukrainischen Schlachtfelder tobt ein Propagandakrieg. Im besonderen Fokus: soziale Netzwerke. Dort ist der Krieg in Echtzeit zu verfolgen. Die zugehörigen Narrative lassen sich bestens verbreiten. Das beherrscht Wolodymyr Selenskyj geradezu meisterhaft. Der „Diener des Volkes“ ist ein Superheld geworden.

Gestern vor der UNO, heute vor den Parlamenten in Südkorea und Finnland. Direkt aus dunklen Bunkern, von nächtlichen Straßen, mal auf Riesenleinwänden oder auf dem Handy. Der ukrainische Präsident zieht gekonnt weltweit Aufmerksamkeit und Sympathien auf sich. Seine in hoher Frequenz und Aktualität perfekt orchestrierte Kommunikation wirkt. Die westliche Öffentlichkeit steht geschlossen hinter Selenskyj und seinem Volk. Auch, weil er und sein Team die Kommunikation als scharfe Waffe erkannt und eingesetzt haben.

Eine der schärfsten Waffen Selenskyjs

Ein gutes Beispiel dafür ist der Twitteraccount des ukrainischen Präsidenten. Vor dem 24. Februar 2022 zählt der noch rund 430.000 Follower. Zwei Tage nach Kriegsausbruch hatte sich deren Zahl schon vervierfacht. Rund einen Monat später lag die Zahl bei fünfeinhalb Millionen. Heute folgen ihm etwa sechs Millionen Menschen auf Twitter und täglich werden es mehr.

Auf Instagram folgen ihm inzwischen sogar mehr als 16 Millionen Nutzer. Während er Twitter überwiegend als Informationskanal nutzt, um die Lage in der Ukraine zu erklären, seine Appelle an die Weltöffentlichkeit zu richten, Politikern wahlweise zu danken oder sie zu mehr Initiative anzutreiben, verwendet er Instagram vor allem für das Teilen von Fotos und Videos, die eindrucksvoll die Zerstörung der Ukraine dokumentieren und die ukrainische Widerstandskraft beschwören. Er folgt der Erkenntnis: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte!

Selenskyj kommt dabei entgegen, dass er als ehemaliger Schauspieler ein Meister des Wortes ist. Er spricht die Menschen direkt und emotional an: die eigene Bevölkerung, die internationale Öffentlichkeit und Politiker, aber auch die russische Bevölkerung, indem er immer wieder in seinen Reden in die russische Sprache wechselt. Welch Gegenbild zu Wladimir Putin, der mit versteinertem Gesicht Gäste am scheinbar 20 Meter langen Tisch empfängt oder in großer Pose in der Öffentlichkeit agiert.

Die gefühlte Lufthoheit in den westlichen Medien ist auch auf ein Team engster Vertrauter Selenskyjs zurückzuführen. Auf Andrij Jermak, seinen Büroleiter. Wie Selenskyj Jurist und sein früher Filmproduzent. Ein weiterer PR-Profi ist Mychajlo Podoljak. Das Spezialgebiet des Journalisten: Krisenkommunikation. Und Ministerpräsident Denys Schmyhal.

Als sich kurz nach Kriegsbeginn das Gerücht verbreitete, Selenskyj samt Führungsmannschaft hätte die Ukraine verlassen, postete der Präsident ein selbst aufgenommenes Video aus der Kiewer Nacht. Hinter ihm mit auf dem Video – seine engsten Vertrauten. So gelingt es seit den frühesten Stunden der russischen Invasion kraftvolle, klare und verständliche Botschaften weltweit zu senden.

Ihre Kernaussagen: Das ukrainische Volk wehrt sich heldenhaft und mit grenzenlosem Mut. Russland und Präsident Putin müssen unverzüglich ihren Krieg beenden. Die westlichen Verbündeten müssen der Ukraine mit finanziellen Unterstützungen, harten Sanktionen gegen Russland und vor allem mit Waffenlieferungen bedingungslos beistehen. Den Propagandakrieg scheint die Ukraine deutlich zu gewinnen. Zumindest im Westen.

Am anderen Ende der Welt

Doch das ist nur ein Teil der Welt. Auf anderen Erdteilen wirkt mit Russland ein mächtiger Rivale mit einer Armee von Trollen und Meinungsmachern. Sie verfügen über finanzielle und technische Mittel sowie Erfahrungen über Zersetzungsmethoden und das Verbreiten von Fake News. Vor einem vorschnell verkündeten Sieg der Ukraine im Netz sollte man sich hüten! Ein Blick über den Tellerrand des Westens zeigt, dass schon kurz nach Beginn des Krieges prorussische Kampagnen in den sozialen Netzwerken an Fahrt aufnahmen und erste Wirkung hinterlassen haben.

In Indien, Nigeria oder Südafrika breiteten sich vermehrt Vorwürfe über westliche Heuchelei und Doppelmoral aus. Themen wie den Irakkrieg, die russische Bedrohungslage durch die NATO-Expansion oder die Intervention des Westens im Kosovo dienen als Beispiele. Misstrauen gegenüber dem Westen und Verunsicherung werden in der Öffentlichkeit gesät. Mit durchaus spürbarem Erfolg.

In Lateinamerika misstrauen viele Bürger aus Gewohnheit westlichen und den heimischen Medien. Und den USA wird traditionell nicht getraut. Outlets wie Russia Today oder Sputnik nutzen das und expandieren auf dem südamerikanischen Kontinent. Mit dem Ergebnis, dass die Bevölkerungen mehr Verständnis für die russische Position als im Westen aufbringen, die Sympathien auf politischer Ebene zunehmen. Das hoch verschuldete Argentinien sucht ebenso den Schulterschluss mit Russland wie Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro. Venezuela und Kuba sowieso.

Russlands wichtigster Verbündeter

Das gilt auch für China, Russlands wichtigsten Partner. Auch da agieren Russia Today und Sputnik auf vielerlei Kanälen. Sie liefern Material für das staatliche Fernsehen und die stark regulierten sozialen Medien. Verbreiten so die russischen Narrative.

Aus globaler Perspektive ist also längst nicht abzusehen, wer diesen Informationskrieg zu gewinnen vermag. Für den Moment steht der Westen vereint hinter der Ukraine. Doch mit Blick auf die Weltkarte wird deutlich, ihnen steht mit Akteuren wie China, Indien, Ländern auf dem afrikanischen Kontinent und in Lateinamerika mindestens die Hälfte der Weltbevölkerung in ihrer Ansicht gegenüber. Der Informationskrieg ist längst noch nicht entschieden. Sein Ausgang ist offener denn je.

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