Sehnsucht nach einfachem Essen

Da saß mein Freund, ich hatte ihn länger nicht gesehen. Wir sprachen über Gesundheit (Corona – er ist so alt wie ich), Familie, Weihnachten. „Was macht ihr denn?“, frage ich ihn. Denn reisen geht ja nicht mehr. Kocht ihr was Tolles?

Da sagte er diesen einfachen Satz. Ein Satz wie ein Hieb, der besser beschrieb, was Menschen jetzt denken, als hundert kluge Artikel beschreiben können: „Wir haben Sehnsucht nach einfachem Essen.“

In Sekunden spulte sich in meinem Kopf ab, was wir täglich hören, wenn es ums Essen geht. Eine gute Mahlzeit ist nichts ohne Kurkuma, Quinoa, Cumin, Tamarinde, heißt es vor allem in Kochsendungen, aber auch von Bekannten, wenn sie in den Supermarkt gehen.

Ich gönne jedem seine Exotik. Und dass Ingwer und Co. besonders gesund sind, weiß ich. Diese außergewöhnlichen Namen haben einen schönen Klang.

Aber ich sage Ihnen Namen, die nicht nur klingen, sondern Kulturgut sind: Königsberger Klopse, Erbsensuppe, Kartoffelsuppe mit Würstchen, Linseneintopf, Schweinebraten, paniertes Schnitzel, Kohlroulade, Kartoffelpüree, Grünkohl, Nürnberger und Thüringer Bratwürste, Leberkäs.

Was haben diese Gerichte gemeinsam? Sie sind mehr als Essen. Sie sind Heimat, sie sind Familie, sie sind Tradition. Und meine Oma konnte sie alle. Wir haben uns schon eine Woche vorher darauf gefreut. Und sie hatten noch eines gemeinsam (mögen mir die Gourmets und Hobbyköche unter ihnen verzeihen): Sie brauchten kein Kurkuma und Quinoa. Sie brauchten Pfeffer und Salz, vielleicht noch Kapern. Und wie haben diese einfachen Sachen geschmeckt!

Ich finde, der Satz „Sehnsucht nach einfachem Essen“ bezieht sich nicht nur auf Mahlzeiten. Er ist wie ein Gleichnis für unsere Zeit: Wir brauchen jetzt nichts Exotisches. Wir haben irgendwie gelernt mit Corona umzugehen, weil wir in der Mehrheit wissen: Es geht nicht anders.

Was uns nie enttäuscht hat, ist unser kleiner Freundeskreis, unsere Familie, unsere Kinder und Enkelkinder, unsere Eltern. Sie waren und sind unser Bollwerk in der Stunde der Not.

Und hier schließt sich der Kreis, finde ich. Sehnsucht nach einfachem Essen ist auch Sehnsucht nach einfachem Leben. Motto: Wir fahren das Tempo zurück und unsere Ansprüche runter. Halten wir es mit Konfuzius (551 – 479 v. Chr.):

Ein wahrhaft großer Mensch verliert
nie die Einfachheit eines Kindes.

Dieser Text erschien zuerst in BILD.

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