Shakespeares Snowflakes

Als ich noch Chefredakteur der „Bild“-Zeitung war, haben wir jeden Tag auf Seite 1 ein Pin-up-Girl gezeigt. Später wurde das Foto auf Seite 3 verlegt. Wer erinnert sich nicht gern an Samantha Fox, Katie Price und Linda Lusardi? Und dann verschwanden auch sie. Begründung: Frauen sollten nicht als Objekt betrachtet werden.

Dazu folgende Richtigstellung:

Hinter dieser schönen neuen Welt verbirgt sich nichts anderes als eine neue Prüderie. Freudlosigkeit, Biedermeier. Nehmen wir die IAA: Früher wurden die Autos repräsentiert von eleganten Frauen in tollen Kostümen, heute stehen in der Halle Yuccapalmen herum.

Tour de France: Einst bekam der Etappensieger sein Küsschen von Damen aus der Region. Heute ist alles ganz platonisch – wer hat da eigentlich noch Lust, eine Etappe zu gewinnen. Oder die Formel 1 und die Grid-Girls, oder oder alles Geschichte.

Vor 50 Jahren setzten die Frauen neuartige Mode durch, das Leben wurde freier, bis hin zu den Victoria’s Secret Angels. Heutzutage erleben wir den übergriffigen Staat, Verzicht, Verbot, Vermummung, Veganisierung. Savonarolas Welt! Lastenfahrradfahrer*innen halten den Verkehr auf. Und bei Edeka gibt’s jetzt auch Student*innen Futter.

Zum Globe Theatre in London und der aktuellen Aufführung Shakespeares „Romeo und Julia“. Das Publikum bekommt Drogenmissbrauch, Blut, Verbrechen zu sehen. Deshalb erhalten die Zuschauer beim Eintritt eine Triggerwarnung samt Telefonnummer der Samariter. Es könnte ja sein, dass jemand emotional überlastet wird. Vorzugsweise woke Menschen, die in Großbritannien inzwischen als „Snowflakes“(Schneeflöckchen) verspottet werden. Die gute Nachricht: Für Hilfe ist gesorgt, Heilung ist möglich.

Dieser Text erschien zuerst in Euro am Sonntag.

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