Telefonieren – eine Sache des Herzens

Schon telefoniert heute? Dann sind Sie die Ausnahme. Denn anzurufen, glauben Sie es
mir bitte, ist heute vor allem bei den Kids out. „Die Jugendlichen telefonieren kaum
noch“, sagt Helmut Herzog, Vorsitzender des Ulmer Vereins „Jung und Alt zusammen“,
der Hauptschüler bei der Berufsorientierung unterstützt.

Mein junger Kollege Alexander: „Viele Kumpels von mir haben Angst vor
Gesprächen, in denen man auf sein Gegenüber sofort reagieren muss – also beim
Telefonieren.“ Oft fragen sie: „Was soll ich denn da sagen?“.

Fast jeder Deutsche hat ein Smartphone und nutzt es für WhatsApp, SMS, Telegram,
Messenger und Signal. Allein über WhatsApp werden 60 Milliarden Nachrichten
verschickt – täglich. Nur zum Telefonieren wird das Smartphone immer weniger benutzt.

Lassen Sie sich also nicht täuschen von den Handy-Schreiern auf der Straße oder den
Dampfplauderern in der U-Bahn. Es sind nicht viele, aber viele sind auffällig.

Ich gehöre zur Generation, in der das Telefonieren ein Stück tägliches Leben war. Es
klingelte: „Ich gehe ran“, rief ich als 13-Jähriger. Aber es war nicht mein lieber Freund
Leo, der mich zum Fußball holen wollte. Ich brachte das Telefon zu meiner Mutter und
sagte patzig: „Für dich…“.

Vorbei die Zeit, in der jemand aus der Familie nach Hause kam und als erstes rief:
„Hat jemand für mich angerufen?“ Die Zeit, in der die Tochter ihre Mutter
anblaffte: „Ich telefoniere, siehst du das nicht.“ Und sich dann mit dem
meterlangen Kabel in ihr Zimmer verkroch, um stundenlang zu telefonieren.

Ist es schlecht, wenn viele jetzt lieber Mails schreiben anstatt zu telefonieren? Natürlich
muss das jeder für sich entscheiden. Sicher ist: Ein Anruf erspart eine Menge unnützer
Mails, das wissen wir alle. Aber viel wichtiger: Das persönliche Gespräch ist das beste
Kommunikationsmittel, das wir kennen. Natürlich ist es schöner, seinem Partner von
Angesicht zu Angesicht sagen: „Ich liebe dich“. Wenn das aber nicht geht, kann so ein
Satz auch am Telefon gesagt werden. So viele Smileys können Sie gar nicht drücken…

Ich habe zu Hause ein altes weißes Telefon. Es hat eine Drehscheibe und einen
schweren Hörer. Ich glaube, das Telefon wartet darauf, angeschlossen zu werden. Dann
werde ich mit ihm Gespräche führen, die über den Tag hinaus wichtig sind.

Gespräche mit meiner Familie.

Dieser Text erschien zuerst in BILD.

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