Generation Z – Die neue Macht

Abschied von den Volksparteien der alten Bundesrepublik

Bisher waren Straßen und Plätze die Orte, an denen die Generation Z Aufmerksamkeit für ihre politischen Forderungen erzeugte. Mit der letzten Bundestagswahl hat sich das grundlegend geändert. Die Generation Z ist zwar weiter in der Öffentlichkeit aktiv. Doch sie sitzt fortan auch im deutschen Parlament. Zumindest ideell. Indem Jungwähler die FDP quasi für ihre Interessen gekapert und die Grünen massiv gestärkt haben, ist die Generation Z eine neue Macht in der deutschen Politik.

Die alte Mehrheit erodiert

Gegen Forderungen für mehr Umweltschutz und Maßnahmen gegen den Klimawandel kann sich heute keine Partei mit Regierungsanspruch mehr verwehren. Grüne und die FDP als von der Generation Z getragene Parteien allemal nicht. Zumal beide auch wichtige Themen für junge Leute bedienen. Bildung, individuelle Entwicklung, Selbstständigkeit oder Bürokratieabbau stehen in ihren Programmen.

Gewiss, die Mehrheit der Wahlberechtigten und eine noch größere Mehrheit der Wähler in Deutschland ist bereits in der zweiten Lebenshälfte und beteiligt sich stärker an Wahlen. In der Altersgruppe 50-Plus hat die rot-schwarze GroKo weiterhin eine deutliche Mehrheit der Wählerstimmen. Bei den über 70-jährigen erzielen Union und SPD immer noch 38 bzw. 35 Prozent. Doch diese treuen Wähler sterben ihnen langsam weg.

Keine Volksparteien mehr

In ihren besten Zeiten holten beide Parteien jeweils über 40 Prozent. Davon können sie heute nur noch träumen! Derzeit kommen nicht einmal CDU/CSU (18 Prozent) und SPD (20 Prozent) zusammen auf diesen Wert. Damit sind sie keine Volksparteien mehr.

Ein völlig anderes Bild zeigt sich in den jüngeren Altersgruppen. Bei den unter 25-Jährigen gibt es eine klare parlamentarische Mehrheit für Bündnis 90/Die Grünen und die Freien Demokraten. Nur zehn Prozent von ihnen votierten für die Union. Grüne und FDP sind die mit Abstand stärksten Parteien in dieser Altersgruppe. Dort könnten sie ohne weiteren Partner schon jetzt eine Zweier-Koalition bilden.

Da Grün-Gelb sowohl in einem Ampel- als auch in einem Jamaika-Bündnis zusammen stärker sind als Sozial- oder Christdemokraten, achten sie in Koalitionsverhandlungen selbstbewusst darauf, dass die Interessen ihrer überwiegend jungen Wähler Berücksichtigung finden. Umso mehr, als mit dem angepeilten Wahlrecht ab 16 weitere vier Millionen potenzielle Wähler zu ihnen stoßen könnten.

Jungwähler schon heute ein Machtfaktor

Sie wissen, die nächste Regierungskoalition kommt ohne die beiden stärksten Kräfte bei den Jungwählern nicht zustande. Dass sie in absehbarer Zukunft den Kanzler stellen, ist mehr als vorstellbar. Das stärkt das Gewicht der Jüngeren in der Bundesregierung. Es macht sie zu einem neuen Machtfaktor. Das ist eine wichtige Lehre der Bundestagswahl.

Für Grüne und die FDP ist das auch eine Gefahr: Sie dürfen die Generation Z in der praktischen Politik nicht enttäuschen! Denn die Jungen können sich so schnell abwenden, wie sie gekommen sind. Für sie ist die aktive Mitarbeit in Parteien wenig attraktiv.

„Sie schauen genau, wo sie ihre Meinung einbringen können. Sie suchen die Bestätigung, dass sie wahrgenommen werden und ihre Stimmen etwas verändern können. Es ist ein Trend: Junge Menschen suchen lieber selbst direkt die Öffentlichkeit, als sich in die Strukturen von Parteien oder Organisationen einbinden zu lassen“, erklärt Jugendforscherin Sabine Walper, Direktorin des Deutschen Jugendinstituts in München.

GroKo-Ende ist ein gutes Zeichen

Dass eine fast ausschließlich auf die älteren Altersgruppen orientierte GroKo-Politik nun durch die Beteiligung von zwei Parteien, deren Zielgruppe insbesondere die Jungen sind, abgelöst wird, scheint für ein neues Miteinander der Generationen wichtig zu sein. Die neue Koalition wird nicht nur Ökonomie und Ökologie verbinden müssen, sondern auch Jung und Alt.

Auf längere Sicht bietet sich Grünen und FDP sogar die Chance, Attribute einer Volkspartei anzunehmen, wenn es gelingt, mit ihren Ideen sowohl die jüngeren als auch die älteren Altersgruppen zu überzeugen. Dazu muss man eigenes Profil zeigen und die Wähler nicht einschläfern. Sie müssen im Wettbewerb der Ideen mit den eigenen Konzepten überzeugen.

Ohne echte Volksparteien, die alle Schichten der Bevölkerung, alle Berufsstände, Altersgruppen, Regionen und so weiter vereinen, werden wir uns daran gewöhnen müssen, von Mehrparteienbündnissen regiert zu werden. Das ist nicht dramatisch. Die Parteien werden dann immer mehr zu Vertretern einzelner Interessengruppen und der Ausgleich findet in den Koalitionsverhandlungen statt. Wie gut das gelingen kann, wird die Ampel zeigen.

Doch eine Lehre der letzten Jahrzehnte sollte sie unbedingt beherzigen: Es ist gut auf das Volk zu hören, ihm aufs Maul zu schauen. Auch den Jungen. Aber man sollte nicht versuchen, ihm nach dem Munde zu reden. Die ausschließliche Orientierung an Stimmungen ist der Abschied von der Politik.

Hermann Binkert ist Gründer und Geschäftsführer des Markt- und Sozialforschungsinstitutes INSA-Consulere.

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