Justus Frantz: „Ich würde Gergiev dirigieren lassen“

Der Pianist und Dirigent Justus Frantz führt ein Orchester, in dem ukrainische und russische Musiker zusammen musizieren. Zugleich befinden sich die beiden Nationen in einem mörderischen Krieg. Wie geht das? Und was kann Kunst in diesen Zeiten leisten? Ein Gespräch.

Maestro, in ihrem Orchester – der Philharmonie der Nationen – spielen heute junge Ukrainer und Russen gemeinsam. Wie gehen die Musiker mit der aktuellen Situation um?

Alle spüren die Verantwortung, dass sie noch freundschaftlicher und noch mitfühlender miteinander umgehen. Die Sehnsucht nach Frieden ist stärker denn je. Jeder Musiker dieser beiden Nationen, die eigentlich nicht verfeindet sind, will Verständigung. Dafür bietet das Orchester Raum, so absurd die Situation gegenwärtig auch ist.

Ist es in Situationen wie dem Überfall auf die Ukraine notwendig, dass auch Künstler klare Positionen beziehen? Oder soll die Kunst im Gegenteil möglichst neutral bleiben?

Kunst ist nie neutral. Aber Kunst sollte sich auch nicht immer in die Tagespolitik einmischen, denn Kunst ist Frieden, Kunst ist Stabilität, Kunst ist geistige Freiheit. Und alles das zusammen ist der entscheidende Faktor, der Kunst groß machen kann. 

Als Reaktion auf den russischen Überfall auf die Ukraine trennten sich zuletzt weltweit mehrere Häuser von Stardirigent Valery Gergiev, weil der sich nicht klar von Putin distanzierte. Sie kannten Valery Gergiev schon vor der Gründung der deutsch-sowjetischen jungen Philharmonie im Jahr 1989. Er war damals Chefdirigent und dessen Mitbegründer. Würden Sie ihn heute ihr Orchester dirigieren lassen?

Ja, selbstverständlich! Valery Gergiev hat ja auch nicht auf Ukrainer geschossen und er hat in keiner Weise irgendetwas getan, was ihn unter den Verdacht stellt, dass er diesen Krieg befürwortet. Sehen Sie unbedingt das ganze Bild. Er hat das Mariinski-Theater in schwierigsten Zeiten am Leben gehalten – während der 1990er-Jahre. In dieser Zeit regierte zunächst noch Gorbatschow, dann Jelzin. Es ist nicht so, dass die musikalische Genialität eines Valery Gergiev nur von Präsident Putin persönlich groß gemacht und gefördert wurde. Jemandem wie ihm die Gedankenfreiheit zu nehmen, wie das hier bei uns passiert ist, ist für mich einfach nur unverständlich. In Friedrich Schillers Don Karlos fordert der Marquis von Posa: „Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire“. Sie ist eine der Grundbedingungen unserer Freiheit und eine Grundvoraussetzung unserer Demokratie.

Was muss Ihrer Meinung nach geschehen, damit die Gräben in der Kunst nicht tiefer werden? Kann man, solange der Krieg andauert, überhaupt etwas dafür tun?

Ich finde, wir müssen weiterhin alle miteinander kommunizieren und wenn es möglich ist, miteinander Musik machen. Wir müssen wieder aufeinander zugehen. Außerdem müssen wir es schaffen, nicht jeden Tag weiter an der Eskalationsschraube zu drehen. Nur so können wir irgendwann wieder einen Friedensschimmer am Horizont erkennen, der Zukunft möglich macht und die große Katastrophe zu vermeiden hilft.

In Deutschland lebt eine große Zahl russischsprachiger bzw. russischstämmiger Menschen. Ein Großteil ist schon vor Jahrzehnten nach Deutschland gekommen. Einige auch aus politischen Gründen. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie von Boykottaufrufen, Diskriminierungsversuchen und verbalen oder gar physischen Angriffen gegen diese russischsprachige Bevölkerung in Deutschland hören?

Wissen Sie, das ist eigentlich so unter der Gürtellinie, dass ich dazu nichts sage. Dafür fehlt mir jedes Verständnis, dafür finde ich einfach keine Worte. Wir Deutschen wurden doch auch nicht pauschal mit dem dritten Reich gleichgesetzt und hatten trotz unserer Vergangenheit die Möglichkeit, Freundschaften auf der ganzen Welt zu schließen. Aber es gab auch große Vorbilder: Yehudi Menuhin spielte wenige Wochen nach Kriegsende im ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen ein Konzert. Ein erschütterndes Dokument eines großen philanthropischen Juden. Es war möglich, sich gemeinsam für das Verbindende und das Gute einsetzten. Und so wird es auch mit meinem Leben sein. Ich werde nie jemanden verurteilen können, weil er aus einem Land kommt, das Dinge macht, die wir überhaupt nicht gutheißen können.  

Braucht es in ihren Augen auch im Westen eine selbstkritische Ursachenforschung über den eigenen möglichen Beitrag zur aktuellen Eskalation?

Mit Sicherheit denken wir darüber zurzeit zu wenig nach. Ich denke an einen Aufsatz von Henry Kissinger, der genau dieses Szenario, das wir gerade erleben, präzise vorausgesagt hat. Er hat schon vor Jahren davor gewarnt, dass eine Erweiterung der NATO zur weiteren Verhärtung im Verhältnis mit Russland führen wird und einen neuen Ost-West-Graben schafft. Dabei hat er auch vor der Gefahr eines Weltkriegs gewarnt.

Um dem Vorwurf des „Russlandverstehens“ vorzubeugen. Sie waren zu einer Zeit in der litauischen Hauptstadt Vilnius, als das dortige Parlament verbarrikadiert war und das Land um seine Unabhängigkeit von der Sowjetunion kämpfte, genau wie die anderen baltischen Staaten damals. Dieser Freiheitskampf forderte Todesopfer. Der erste Staatspräsident des unabhängigen Litauens, Vytautas Landsbergis, ist bis heute ein guter Freund von Ihnen. Im Januar und Februar 1991 unternahmen Sie eine Konzerttournee nach Tallin, Riga, Kaunas aber auch nach Kaliningrad und St. Petersburg? Hat die Konzerttournee unter diesen Bedingungen ihre Einstellung zu Russland und dem russischen Volk verändert?

Nein. Denn ich habe und werde mich immer für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen. Das war auch damals im Baltikum so. Ich erinnere mich gut an diese Zeit. Als ich in Litauen ankam, wurde auf der Straße geschossen. Der Dirigent des litauischen Kammerorchesters, Saulius Sondeckis holte mich am Flughafen ab und sagte: „Du musst sofort wieder zurück. Hier ist es wahnsinnig gefährlich. Die Menschen schießen aufeinander“. Ich habe das Gegenteil gemacht und bin geblieben. Und später, nach dem Konzert in Kaliningrad, kam ein alter Herr auf mich zu und erzählte mir seine Geschichte. Er wurde nach dem zweiten Weltkrieg nach Kaliningrad verschleppt. Danach kam er nie wieder in seine Heimat nach Deutschland zurück. Ich habe damals viele solcher Geschichten gehört. Das bleibt tief in der Erinnerung haften.

Ihre Mutter Dosy Frantz floh im zweiten Weltkrieg vor der russischen Armee und verlor dabei alles. Sie selber haben das Schicksal eines Flüchtlingskindes im Zweiten Weltkrieg erlebt. Dennoch haben Sie Russisch gelernt und können Dostojewski in der Originalsprache lesen. Was hat Sie trotz dieser familiären Erfahrungen dazu bewogen, die Sprache zu erlernen und Freundschaften zu Russen zu pflegen?

In Wirklichkeit habe ich viele verschiedene Stadien durchgemacht. Während der Zeit des Eisernen Vorhangs waren die Russen unsere Feinde. Ich hörte oft Radio Moskau in deutscher Sprache und das waren sehr deutliche Worte gegen uns, ihren Klassenfeind. Ich erinnere mich gut an die Flugblätter aus der DDR, die bei uns in den Kieler Nachrichten abgedruckt wurden. Darin wurde zur neuen Arbeiter- und Bauernrepublik aufgerufen. Damals gab es so ein Gefühl der Angst und Hilflosigkeit. Ich war mir nicht sicher, ob der Westen stark genug ist, um sich dagegen zur Wehr zu setzten. Später kamen die Erlebnisse in den baltischen Staaten. Ich lernte Persönlichkeiten wie Valery Gergiev und viele weitere kennen. Und heute weiß ich, wir haben uns ein großes Versäumnis vorzuwerfen: Nach dem Zerfall des Warschauer Paktes hätten wir gemeinsam mit den ehemaligen Mitgliedsstaaten, darunter auch Russland, eine neue europäische Friedensarchitektur aufbauen müssen. Das nicht getan zu haben, ist ein tragischer Fehler, der sich heute rächt. Wir verfallen immer noch in dieses Feind-Denken. Wir wollen die Guten sein, die anderen sollen die Schlechten sein. So kann man keinen Frieden machen. Die Sprache hat mich interessiert, weil ich die russische Kultur für eines der großen Wunder auf unserer Welt halte. Und diese große Kultur ist auch Europa! Ohne diese Kultur werden wir viel schwerer – wenn überhaupt – Frieden erleben. Nur mit dem großen und reichen Konzert aller Kulturen wird uns Europa gelingen.

Herr Frantz, vielen Dank für das Gespräch.

Justus Frantz wurde 1944 in Hohensalza, dem heutigen Inowrocław geboren. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs floh er mit seiner Mutter und vier Geschwistern nach Schleswig-Holstein. Dort begann er auch mit dem Klavierspiel. Die folgende Karriere führte ihn in die ganze Welt. Studium in Hamburg, erstes Konzert noch als Student mit den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Herbert von Karajan. Debüt auf der Weltbühne unter Leitung von Leonard Bernstein in New York. Später erschuf er mit dem Schleswig-Holstein Musik Festival ein Musikfestival von Weltrang. Im Jahr 1989 wurde er zum Sonderbotschafter des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen ernannt. Im gleichen Jahr wurde er auch mit dem Großen Bundesverdienstkreuz geehrt.

Die Fragen stellten Matthias Schau und Maxim Zöllner-Kojnov.

Bild „大师风采Master Musicians of the Brilliant moment 。Justus Frantz“ von 959 ming unter der Lizenz CC BY-NC-SA 2.0 via Flickr.

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